Von der Erschütterung

Ich habe lange überlegt, ob ich zu den Anschlägen in Paris bloggen soll. Es ist so viel gesagt worden, überall – und irgendwie ist es immer zu wenig. Vielleicht gibt es keine passenden Worte für das, was geschehen ist und die angemessenste Reaktion wäre einfach ein Schweigen, in dem alle Betroffenheit und Trauer Raum finden kann.

Mich haben die Ereignisse sehr mitgenommen. Ich habe einen hübschen frankophilen Tick, das Land liegt mir am Herzen. Doch es ist egal, welche Stadt in welchem Land auch immer es trifft. Was dort geschehen ist, geschah nicht im Namen irgendeiner Religion, nicht im Namen irgendeines Gottes. Es geschah aus fanatischen Hirnen heraus, denen jegliche Menschlichkeit abhanden gekommen ist. Und es bleibt nur zu hoffen, dass nun nicht der allzu leichte Weg gegangen wird, Moslems in aller Welt zu verurteilen und mit radikalen Islamisten gleichzusetzen. Meine Hoffnung, dass wir um diese populistische Meinungsmache herumkommen, ist allerdings gering. Es wird Menschen geben, die diese Anschläge instrumentalisieren. Es wird aber auch Menschen geben, die sich solidarisch zeigen und in der Lage sind, über den Tellerrand zu blicken.

Zwischen dem Verfolgen der Nachrichten, den immer neuen grauenvollen Meldungen, der Angst vor den Entwicklungen in der Zukunft und der Fassungslosigkeit, die sich wie eine erstickende Haut über alles legte, flüchtete ich mich gestern ins Atelier. Wenn ich bisher eines in meinem Leben begriffen habe, dann dies: Jeder braucht etwas, das ihn in Zeiten, in denen er sich wie zersplittert fühlt, wieder zusammensetzt. Für mich ist es das Malen. Die Malerei hat mir bisher immer geholfen. Stets sortierte sie Gedanken und Gefühle, schob alles wieder an seinen Platz und ließ mich innerlich durchatmen, bis ich es auch im Außen wieder konnte.

Gestern war das zunächst anders. Ich stand vor der Staffelei, wünschte mir nichts mehr, als einfach abschalten zu können und zu sehen, wohin mich die Konzentration auf Farben und Formen bringen würde – doch es ging nicht. Was mir normalerweise leicht fällt – der Schritt in eine andere Welt, in einen Zustand, der Kreatives hervorbringt und so jedes noch so schwere Gefühl verarbeitet und verändert – war komplett blockiert. Ich fühlte mich betäubt und stumm, ich war übernächtigt, weil ich die halbe Nacht über die Nachrichten verfolgt hatte und kraftlos, weil mir die Anschläge für einen Moment wieder einmal den Glauben an das Gute in der Welt genommen hatten. Die leere Leinwand schien mich auszulachen. Was willst du hier? Was soll noch passieren, in einer solchen Welt? Kunst soll helfen? Dir? Anderen? Nichts wird helfen! Menschen sterben durch Anschläge, überall auf der Welt, immer und immer wieder! Und was du hier machst ist vollkommen unwichtig!

Und wenn schon. Dann ist es eben unwichtig! Für mich, jetzt, ist es aber wichtig! Ich begann ein Bild, verwarf es wieder, begann ein zweites, verwarf es ebenfalls. Jede Bewegung erschien schwer und der Fluss, der sich normalerweise bei mir schnell während der Arbeit einstellt, blieb aus. Aber ich machte weiter. Ich wollte diese Blockierung im Inneren loswerden und das Gefühl der Machtlosigkeit – und wenn es nur auf die bescheidene Art des Malens war. Am Ende gelang es tatsächlich. Zwei Bilder entstanden: Ein Segelboot, mit dem ich nicht gerechnet hatte und ein zweites Bild, das mir noch Rätsel aufgibt.Ich teile sie hier, weil sie meine stillen Begleiter am Tag nach den Anschlägen waren, durch die meine Gedanken und Gefühle sich wieder sortierten.

Stormy days, Claire Marin, 2015

Seltsam, eigentlich. Ich hatte damit gerechnet, dass andere Bilder entstehen würden. Bilder, die die Gewalt mehr spiegeln oder die Ängste, die Verzweiflung und die Hilflosigkeit. Stattdessen kam zuerst dieses Boot, das ich tröstlich finde. Und dann dieses zweite Bild, vor dem ich fragend stehe. Eine Landschaft? Blumen? Ein Schlachtfeld? Vielleicht.

Landscape. Claire Marin, 2015

Als ich später die Pinsel auswusch (bei Ölmalerei immer eine etwas ausufernde Tätigkeit) fühlte ich mich deutlich besser. Geerdet, konzentriert, in mir ruhend. Die Katastrophe war nach wie vor geschehen – aber das Malen hat mir einmal mehr eine Möglichkeit gegeben, mich zurückzuziehen und zu sortieren, bis ich wieder in die eigene Kraft kam. Ich wünsche jedem von euch einen solchen Anker, der euch hält, wenn es stürmisch wird. Nein, Malerei wird nicht die Welt verändern. Aber mir gibt sie die Möglichkeit, mit den Veränderungen dieser Welt besser umzugehen. Und für den Moment ist das viel.

Euch allen einen friedlichen Sonntag.

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